Den vorletzten Monat dieses Film- und Serienjahres möchte ich zum Anlass nehmen und Sie noch einmal an einen Ort mit großem Wiedererkennungswert in Simmering ‚entführen‘. Möglicherweise hilft Ihnen der markante Hintergrund bereits als Hinweis auf den Drehort, daher möchte ich zuerst die Film- und Fernsehszenen zeigen, um sie in weiterer Folge aufzulösen:
Szenenbild, 2011.
Bildnachweis: https://on.orf.at/video/14295371/soko-donau-1113-3-millionen-tote, Bearbeitung Pelikan.
Die folgenden Bilder werden möglicherweise für einige von Ihnen zur Lösung der Serie und des Drehortes beitragen:
Szenenbilder, 2011.
Bildnachweis: https://on.orf.at/video/14295371/soko-donau-1113-3-millionen-tote, Bearbeitung Pelikan.
Wie Sie nun sicherlich erkannt haben, handelt es sich bei den Ausschnitten erneut aus Szenen der Krimi-Reihe „SOKO Donau“, in diesem Fall aus der 11. Folge der 6. Staffel mit dem bezeichnenden Titel „3 Millionen Tote“ aus dem Jahr 2011. [1] Holger Gimpel führte Regie, Sascha Bilger und Axel Götz zeichneten für das Drehbuch verantwortlich. Neben der Stammbesetzung Gregor Seberg, Stefan Jürgens, Lilian Klebow und Dietrich Siegl sind auch Maria Happel sowie Fanny Stavjanik zu sehen.
Kommen wir nun zur Auflösung des Drehorts, den Sie wahrscheinlich schon längst erraten haben. Es handelt sich dabei um den Wiener Zentralfriedhof mit seinen rund „3 Millionen Toten“ sowie den Arkadengrüften und Kolumbarien und der Karl Borromäus Kirche.
Bildnachweis: Helfried Seemann/ Christian Lunzer, Simmering Album, 1880-1930, Wien 2003, Abb. 88.
Unseren Weg möchte ich diesmal beim Haupttor an dem seit 2013 so benannten „Johann-Hatzl-Platz“ (benannt nach dem Bezirksobmann der Simmeringer SPÖ und Stadtrat für Verkehr und Energie, Johann Hatzl, 1942-2011) beginnen, der an der Straßenbahnhaltestelle „Zentralfriedhof 2. Tor“ [2] liegt. Wie bereits in einem früheren Beitrag erwähnt, [3] wurde der Zentralfriedhof nach Auflassung der fünf Kommunalfriedhöfe (unter anderen der heute noch bestehende St. Marxer Friedhof) 1874 eröffnet. [4]
Er umfasst 2.354.272m² und beherbergt ca. 330.000 Gräber, davon sind rund 1.000 Ehrengräber. [5]
Das im oberen Bild erkennbare Hauptportal wurde 1904/05 von Max Hegele geplant. [6] Die ornamentale Gestaltung stammt von Bildhauer Franz Slanetz. Zwei Reliefs flankieren die beiden Tor-Türme. [7] Das linke wurde von Georg Leisek mit dem Bibelzitat „Kommet zu uns, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken“ (Matthäus 11,28) vollendet. Das rechte stammt von Carl Anselm Zinsler mit dem Inhalt „Menschen am Tor zu einem Ort ohne Wiederkehr“. Auffallend ist hierbei bereits der Jugendstil-Dekor mit Kränzen sowie dem Gitterportal.
Die Arkadengrüfte und Kolumbarien, 2025.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan
Folgt man dem Hauptweg nun weiter ins Innere des Friedhofs, so kommt man an den Arkadengrüften vorbei. [8] Diese wurden 1880/81 von Mylius und Bluntschli (-> 11; Mylius-Bluntschli-Straße) mit Platz für insgesamt 36 Grüfte errichtet. Zweck dieser Anlage war, eine „Grabstätte für herausragende, historisch denkwürdige Personen“ zu gestalten. Die ursprünglichen Gewölbemalereien von Georg Glaser sind witterungsbedingt leider nicht mehr erhalten. Die Säulen, Arkadenbögen und das Gebälk sind aus Stein, die Pilaster der Arkadenpfeiler aus Sichtziegel gefertigt. Die Gruftanlagen selbst sind aufwändig späthistoristisch gestaltet. Im östlichen Arkadenflügel befindet sich unter anderen die Grabstelle von Adolf Ignaz Ritter von Mautner Markhof, Begründer des Kinderspitals, sowie dessen Gemahlin Julie Marcellline, oder jene von August Zang, Begründer der „Presse“. [9] Im westlichen Arkadenflügel ist unter anderem Anton Oberzeller (3., Oberzellergasse) [10] bestattet.
Max Hegele, Karl Borromäus Kirche, 1908-10, 2025.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Folgen wir dem Hauptweg nun weiter, kommen wir zum zentralen Höhepunkt des gesamten Friedhofs. Es handelt sich dabei um die Kirche „Zum Heiligen Karl Borromäus“ von Max Hegele, erbaut 1908-11 durch Ludwig Zatzka. [11] Die Weihe erfolgte 1911. Da der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger in der Unterkirche beigesetzt wurde, wird die Kirche im Volksmund auch „Lueger-Kirche“ genannt. Nach Kriegsschäden wurde die Kuppel 1952 rekonstruiert, von 1995 bis 2000 fand auf Initiative von Stadtrat Johann Hatzl die letzte Generalsanierung statt.
Auf dem Platz vor der Kirche befinden sich die Grüfte der Präsidenten der Zweiten Republik, [12] in unmittelbarer Nähe, rechts und links des Hauptweges, die neuen Ehrengräber mit bekannten Verstorbenen des öffentlichen Lebens, wie zum Beispiel Udo Jürgens oder Hans Moser, Maxi Böhm, Karl Farkas und W. F. Adlmüller sowie Gertraut Jesserer, Rosa Jochmann, Margarete Schütte-Lihotzky und viele, viele mehr.
Grabmal Udo Jürgens, Gruppe 33G, Nr. 58.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Grabmal Hans Moser, Gruppe 32C, Nr. 27.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Karl Borromäus Kirche (Max Hegele, links) und St. Leopold (Otto Wagner, rechts).
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
In einer Gegenüberstellung der beiden oben gezeigten Kirchen sind zweifelsfrei einige gestalterische Ähnlichkeiten zu erkennen. Otto Wagner saß im Komitee des 1899 ausgeschriebenen Wettbewerbs zur Errichtung der Kirche am Zentralfriedhof, zu dem Max Hegele, ein Schüler von Hasenauer und Luntz [13] sowie Mitarbeiter von Otto Wagner, seine Pläne eingereicht hatte. Friedrich Achleitner verweist in diesem Kontext vor allem auf die Verwendung von „Jugendstildekor vor dem Hintergrund eines diffusen Historismus“. [14] Spekuliert wird bis heute, inwieweit sich Wagner und Hegele wechselseitig in der Gestaltung ihrer Kirchen inspirierten. Da die Kirche am Steinhof jedoch einige Jahre vor der Karl Borromäus Kirche errichtet wurde, könnte man auch eine bewusste Abkehr von der Wagner-Architektur bei der Realisierung Hegeles erkennen, der die Ornamente und Dekor-Eigenheiten des Jugendstils aufgreift, jedoch die historistische Monumentalität beibehält.
Damit beende ich auch schon wieder den vorletzten Streifzug durch Simmerings Originalschauplätze und freue mich, Sie auch im nächsten und letzten Beitrag dieses Jahres wieder begrüßen zu dürfen.
[1] https://www.imdb.com/de/title/tt1783532/.
[2] https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Johann-Hatzl-Platz, sowie https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Johann_Hatzl.
[4] https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zentralfriedhof.
[5] https://www.friedhoefewien.at/zentralfriedhof#tabs-0-1-daten-und-fakten.
[6] Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 83.
[7] https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zentralfriedhof, bzw. Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 83.
[8] Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 89.
[9] Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 90.
[10] Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 91.
[11] Bundesdenkmalamt (Hg.), Dehio Wien, X. bis XIX. und XXI. bis XXIII. Bezirk, Wien 1996, S. 87.
[12] https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zentralfriedhof#Luegerkirche_und_Pr%C3%A4sidentengruft.
[13] Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Band III/I, Wien, 1.-12. Bezirk, St. Pölten/ Salzburg 2010, S. 291-292.
[14] Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Band III/I, Wien, 1.-12. Bezirk, St. Pölten/ Salzburg 2010, S. 291-292.
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