Jänner 2026 - Trügerische Ruhe: Unter Schiebern und Mördern

In diesem Jahr möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf Spurensuche in unseren Bezirk mitnehmen. Es handelt sich dabei um eine Art Foto-Rätsel-Rallye, die Sie quer durch Simmering zu Originaldrehorten aus Film und Fernsehen führen wird. Dabei soll es nicht nur darum gehen, die realen Schauplätze der einzelnen Szenenbilder zu identifizieren, sondern sie auch im historischen Kontext zu betrachten.

 

Beginnen wir nun also mit Ausschnitten eines international mehrfach ausgezeichneten Films aus dem Jahr 1949, der einigen von Ihnen sicherlich bekannt sein dürfte.

 

Szenenfotos in Schwarz-Weiß-Optik.

Bildnachweis: Standbilder aus dem Film von einer DVD von Pelikan.

 

Wie Sie richtig vermutet haben werden, handelt es sich bei diesen Bildausschnitten um den oscarprämierten Film „Der Dritte Mann“/ „The Third Man“ [1]. Das Drehbuch stammte von Graham Greene und wurde unter der Regie von Carol Reed unter Mitwirkung von Stars wie Orson Welles, Joseph Cotten, Trevor Howard und Alida Valli im Wien der Nachkriegsjahre gedreht. Vor allem auch österreichische Publikumslieblinge wie Paul Hörbiger [2], Siegfried Breuer, Ernst Deutsch sowie Annie Rosar [3] finden sich in kleineren Rollen.

 

Der Film wurde 1949 in Cannes mit dem Großen Preis [4] sowie 1951 mit dem Oscar in der Kategorie „Kamera (schwarz-weiß)“ für Robert Krasner [5] ausgezeichnet. Internationale Bekanntheit erlangte darüber hinaus der Zitherspieler Anton Karas, dessen „Harry Lime Thema“ bis heute Kultstatus genießt und immer wieder in diversen Produktionen zu hören ist.

 

Jahrzehnte später diente dieser Ort erneut als Schauplatz, diesmal für eine österreichische Produktion, wie auf den folgenden Bildern zu sehen ist:

 

Szenenfotos aus der Krimi-Serie „Kommissar Rex“, Staffel 1/ Folge 1 „Endstation Wien“, 1994, Regie Hajo Gies, Autoren Peter Hajek und Peter Moser. [6] (u.a. mit Tobias Moretti und Karl Markovics)

Bildnachweis: Screenshots von Pelikan, https://www.youtube.com/watch?v=hHPlQHDERA0, Min. 26:18 bis Min. 31:13, sowie Min. 48:56 bis Min. 53:15.

 

Sie alle haben selbstverständlich längst in den oben gezeigten Szenen den Wiener Zentralfriedhof erkannt. Heute laden die herrlichen Alleen und stillen Plätze alle Besucher*innen zum Spazierengehen ein, auch auf einer stimmungsvollen Fiakerfahrt kann man die Atmosphäre dieses besonderen Ortes genießen.

 

Unterwegs in den schattigen Baumalleen des Zentralfriedhofs.

Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.

 

Kommen wir nun aber zum historischen Kontext des Zentralfriedhofs, indem wir der Frage nachgehen, wie es überhaupt dazu kam, dass in Simmering eine so große Friedhofsanlage mit überregionalem Wiedererkennungswert angelegt werden sollte.

 

Die Gesamtanlage des Zentralfriedhofs um 1919.

Auf dieser Aufnahme sind gut die unverbaute Umgebung, die klar ausgerichteten Allee-Achsen und die zentrale Karl-Borromäus-Kirche zu erkennen.

Bildnachweis: Simmering Album, 1880-1930. Bild 92.

 

Nachdem die bisher genutzten "communalen" Friedhöfe außerhalb des Linienwalls zu klein für die stets wachsende Bevölkerung geworden waren, wurde im Jahr 1873 auf unverbautem Gebiet von 2,5 km² der Zentralfriedhof innerhalb einer Ziegelsteinmauer mit insgesamt 11 Toren angelegt. [7] Als Architekten der Gesamtanlage zeichneten Alfred Friedrich Bluntschli und Karl Jonas Mylius [8] verantwortlich, (-> 11., Mylius-Bluntschli-Straße) vor allem die von Anfang an festgelegte Rolle als Bestattungsort für alle Konfessionen galt zu dieser Zeit als Novität.

 

Da der Friedhof zur Zeit seiner Errichtung allerdings noch weit außerhalb der Stadt lag und damit auch schwer erreichbar war, konnte sich die Wiener Bevölkerung nicht wirklich für diesen Bestattungsort erwärmen. Um dieser Abneigung ein wenig entgegenzutreten, wurden in der Folge einige bekannte Persönlichkeiten aus den ehemaligen kommunalen Friedhöfen enterdigt und auf den großen neuen Friedhof überstellt. So sind noch heute u. a. die Grabstellen des Musikers Antonio Salieri oder der Weltreisenden und Forscherin Ida Pfeiffer [9] unter den frühen Ehrengräbern, unweit des 2. Tores bzw. rechts der Kurkonditorei Oberlaa, entlang der Friedhofsmauer zu finden, insgesamt haben rund 300.000 Gräber sowie rund 1.000 Ehrengräber auf dem Zentralfriedhof ihren Platz erhalten.

 

Die Grabstellen von Ida Pfeiffer und Antonio Salieri

(Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 12 und 54)

Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.

 

In den folgenden Jahren kam es vor allem um Allerheiligen zu einem wahren ‚Ansturm‘ auf den Friedhof, mehrere Wiener Straßenbahn-Linien führten die Besucher*innen zu dieser Zeit zu den Gräbern und Gedenkstätten, wie auf einer Verlautbarung aus dem Jahr 1930 zu lesen ist:

 

Hinweis der Gemeinde Wien auf den Allerheiligenverkehr.

Bildnachweis: Johannes Hradecky, 175 Jahre Eisenbahn in Simmering, 2021, S. 95.

Allerheiligenverkehr vor dem zweiten Tor. 

 Gut erkennbar ist das Geländer der damals noch bestehenden Unterführung der Straßenbahngleise am linken Bildrand.

Bildnachweis: Simmering Album 1880-1930, Bild 94. [ed. Anm. Die Bildunterschrift verweist fälschlich auf das erste Tor]

Straßenbahnstau auf der Simmeringer Hauptstraße, Höhe Hasenleitengasse.

Im Vordergrund ist eine Garnitur der Linie 42 zu erkennen.

Bildnachweis: Bezirksmuseum Simmering.

 

Einen besonders stillen und stimmungsvollen Bereich auf dem Friedhofsareal stellt der alte jüdische Friedhof beim ersten Tor dar, auf dem heute nur mehr vereinzelt Begräbnisse stattfinden. Da ein Großteil der Angehörigen der hier Bestatteten im Zuge der Judenverfolgung zwischen 1938 und 1945 ihr Leben verloren, trifft man bei einem Spaziergang zwischen den wunderschönen, kunstvollen Grabmälern nur sehr selten auf weitere Besucher*innen, dafür kann es passieren, dass unerwartet ein Reh oder ein Feldhamster den Weg kreuzen.

 

Gräber der Schriftsteller Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler im alten jüdischen Friedhof.

Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.

Kunstvolle Grabstellen auf dem alten jüdischen Friedhof.

Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.

 

Mit diesen Eindrücken endet nun auch schon der Beitrag dieses Monats. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Ihr Interesse am Zentralfriedhof wecken und Sie entdecken bei einem Spaziergang vielleicht selbst die eine oder andere prominente Grabstelle. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich im nächsten Beitrag wieder an einen weiteren Schauplatz begleiten würden.

 

Beitragersteller: Thomas Pelikan


[1] https://www.imdb.com/de/title/tt0041959/?ref_=ttfc_ov_i.

[2] Paul Hörbiger hat darüber hinaus über seinen Vater Hanns Hörbiger (1860-1931), einem Ingenieur und seinem Bruder Alfred Hörbiger (1891-1945) einen Simmering-Bezug durch die heute nicht mehr bestehenden Hoerbiger-Werke in der Braunhubergasse, Ecke Ehamgasse 40, siehe https://www.hoerbiger.com/de/herkunft.html.

[3] https://www.imdb.com/de/title/tt0041959/fullcredits/?ref_=ttawd_ov_ql_1. – Auf dem Zentralfriedhof finden Sie zudem Grabstellen einiger dieser Künstler, etwa von Paul Hörbiger und Annie Rosar (Ehrengräber 32C-52, 33A-1-26).

[4] https://www.festival-cannes.com/en/f/the-third-man/.

[5] https://www.oscars.org/oscars/ceremonies/1951.

[6] https://www.imdb.com/de/title/tt0621634/?ref_=ttep_ep_1.

[7] https://www.friedhoefewien.at/zentralfriedhof#tabs-0-1-daten-und-fakten. Die fünf Friedhöfe außerhalb des Linienwalls waren: St. Marxer Friedhof, Schmelzer Friedhof, Matzleinsdorfer Friedhof, Hundsturmer Friedhof, Währinger Friedhof und waren nicht wirklich kommunal, aber wurden als "communale" bezeichnet.

[8] Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden. Band III/1, Wien, 1.-12. Bezirk, St. Pölten/Salzburg 1990, S. 291-292.

[9] Antonio Salieri war ursprünglich auf dem katholischen Matzleinsdorfer Friedhof (heute Waldmüller-Park) beigesetzt, Ida Pfeiffer hatte ihre letzte Ruhestätte auf dem noch existenten St. Marxer Friedhof.

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