In diesem Monat möchte ich Sie an einen Ort in Simmering führen, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit liegt und der, den Erfordernissen der Zeit entsprechend, vielfach umgestaltet wurde. Kommen wir aber wie gewohnt zuerst zu den Standbildern eines österreichischen Krimis, dessen Titel und Schauplatz Sie nun mehr oder weniger leicht identifizieren könnten:
Screenshot Filmszene, 2011.
Bildnachweis: https://on.orf.at/video/14311884/tatort-vergeltung, Bearbeitung Pelikan.
Für den Fall, dass Sie doch noch ein paar weitere Informationen benötigen, hier eine Außenansicht der ‚Leichenfundstelle‘:
Screenshot Filmszene, 2011.
Bildnachweis: https://on.orf.at/video/14311884/tatort-vergeltung, Bearbeitung Pelikan.
Spätestens jetzt könnten Sie das Rätsel gelöst haben, es handelt sich um die Tatort-Folge „Vergeltung“ [1] aus dem Jahr 2011 mit Harald Krassnitzer (im oberen Bild links erkennbar) und Adele Neuhauser. Das Drehbuch schrieb Uli Brée, Wolfgang Murnberger führte Regie. Als weitere bekannte Schauspieler dieses Fernseh-Films treten unter anderem auch Burgschauspieler Johannes Krisch oder Aglaia Szyszkovitz auf.
Aus gegebenem Anlass - das bisherige österreichische Tatort-Team rund um Moritz Eisner und Bibi Fellner, dargestellt von Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, stellt seine Ermittlungen Ende des Jahres ein und wird durch ein jüngeres Team abgelöst - sind die Filmaufnahmen aus dem Jahr 2011 bald schon historisch- nostalgisch zu sehen.
Gottfried Kumpf, Froschkönig-Brunnen, bemalte Bronze, 2000 errichtet.
Im Hintergrund die Kirche St. Laurenz mit der ehemaligen Dorfschule.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Als Drehort fungierte hier, wie an der Umgebung zu erkennen ist, die Endstation der U3 Simmering mit dem Auf- bzw. Abgang „Kaiserebersdorfer Straße“ beim Froschkönig-Brunnen [2].
Kommen wir nun aber zur historischen Einordnung dieses Platzes bei der Kirche St. Laurenz, der sich heute vom Bereich der Müchgasse bis hin zur Simmeringer Hauptstraße mit der Kreuzung Kaiserebersdorfer Straße erstreckt. Im Zuge meiner Nachforschungen bin ich auf interessante Photographien und Pläne in diesem Bereich gestoßen, die ich Ihnen präsentieren möchte, um Sie damit an dem Findungsprozess teilnehmen zu lassen. Ich hoffe, die Entwicklung dieses auch heute noch im Wandel befindlichen Platzes interessant nachzeichnen zu können.
Beginnen wir also mit der von mir gefunden ältesten Situation anhand einer Ansichtskarte aus der Online-Sammlung des Wien-Museums:
Carl (Karl) Ledermann jun. (Hersteller), 11., Kobelgasse - Alte Simmeringer Kirche/Pfarrkirche "Heiliger Laurenz", Ansichtskarte, um 1898.
Bildnachweis: Wien Museum Inv.-Nr. 17788/575, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/787429/).
Wie auf dieser Ansicht um 1898 gut zu erkennen ist, hat sich im Bereich des Dreiecks zwischen Müchgasse, Kaiserebersdorfer Straße und Simmeringer Hauptstraße in den letzten hundert Jahren doch einiges verändert. Während damals, vorne kaum sichtbar, die Simmeringer Hauptstraße verlief, führte von hier schräg nach rechts die Kaiserebersdorfer Straße und, von einer kleinen ‚Allee‘ begrenzt, die verlängerte Müchgasse Richtung Kobelgasse.
Simmeringer Platz, nach 1900 (links) und auf dem Generalstadtplan von 1912 (rechts).
Bildnachweis: Helfried Seemann/ Christian Lunzer, Simmering Album, 1880-1930, Wien 2003, Bild 22, sowie
https://www.wien.gv.at/kultur/kulturgut-plaene-generalstadtplan.
Auf einer Photographie nach 1900 gut zu erkennen ist ein Haus, dessen Lage sich aufgrund der Perspektive und in Bezug auf die Straßenführung, an der Simmeringer Hauptstraße etwa um den Bereich vor der heutigen rumänisch- orthodoxen Kirche und dem „Café Frog“ festmachen lässt, was auch durch den historischen Plan von 1912 belegt wird. Später wurde dieses Haus infolge des Baus der Endstation der Linie 73 jedoch abgerissen, wie wir am nun folgenden Bild sehen werden:
Endstation Linie 73, ab 1913 (links) und am Plan der Kriegsschäden nach 1945 (rechts).
Auf dem Plan ist neben den Schienen der Linie 73 die ‚verkleinerte‘ Verkehrsinsel zu sehen.
Bildnachweis: Petra Leban/ Hannelore Leban, Ansichten aus Alt-Simmering, Erfurt 2009, S. 119, sowie
https://www.wien.gv.at/kultur/kulturgut-plaene-kriegssachschaden.
Die Linie 73 fuhr ab Jänner 1913 bis April 1961 zwischen Simmering (alter Ortskern) und dem Münnichplatz [3] in der heutigen Kaiserebersdorfer Straße und erhielt aufgrund ihrer Streckenführung entlang der damals zahlreichen Gemüse-Gärtnereien den Kosenamen „Pletschen-Express“. [3] Auf dem folgenden Bild sehen wir die Endstation von der Kirche St. Laurenz aus Richtung Bahndamm der Ostbahn:
Zu erkennen sind hier neben der Endhaltestelle der Linie 73 links unten im Bild auch die Ecke Simmeringer Hauptstraße/ Müchgasse, vgl. dazu den Grundrissplan nach 1945 in der obigen Gegenüberstellung. In der Bildmitte die Simmeringer Hauptstraße mit der Linie 71.
Bildnachweis: Petra Leban/ Hannelore Leban, Ansichten aus Alt-Simmering, Erfurt 2009, S. 120, unten.
Auf späteren Photographien fällt jedoch ein weiteres, bisher nicht dokumentiertes Gebäude auf. Es handelt sich dabei um ein kleines Haus an der Ecke Kaiserebersdorfer Straße/ Simmeringer Hauptstraße. Die Einzeichnung auf den gezeigten Grundrissplänen legt nahe, dass es ungefähr dort stand, wo sich heute der U3- Auf-/ Abgang „Kaiserebersdorfer Straße“, also der ‚Tatort‘ unseres Drehortes, befindet:
Ehem. Rex- Kino, Ecke Kaiserebersdorfer Straße und Simmeringer Hauptstraße, um 1970.
Blickrichtung stadtauswärts (links) und stadteinwärts (rechts).
Auf dem linken Bild am linken Bildrand gut zu erkennen ist das oben beschriebene Haus.
Bildnachweis: Florian Pauer/ Thomas Jelinek, Die Wiener Kinos. Dokumentation 1896-2022, Band 3: Kinos der Bezirke X-XV, Wien 2023, S. 203 und 202.
Wie der Simmeringer Platz nach 1970, noch mit der Verkehrsinsel zwischen Simmeringer Hauptstraße und Müchgasse bzw. vor Errichtung der U3- Endstation „Simmering“ ausgesehen hat, zeigt eine private Filmaufnahme von 1994. [5]
Zuletzt möchte ich noch kurz auf den aktuellen Zustand dieses Platzes eingehen. Da sich hier rund um den von Gottfried Kumpf geschaffenen Froschkönig-Brunnen [6] in den letzten Jahren trotz Bäumen eine regelrechte ‚Hitze-Insel‘ entwickelte, hat sich die Aktion „Raus aus dem Asphalt“ zusammen mit dem „Klimateam Wien“ [7] dieses Problems angenommen und einige Maßnahmen zur Attraktivierung und Kühlung gesetzt.
Simmeringer Platz, von der Simmeringer Hauptstraße stadteinwärts gesehen, Sommer 2026.
In der Bildmitte die U-Bahnstation Simmering, Kaiserebersdorfer Straße (der Drehort),
rechts dahinter die ehem. Dorfschule sowie die Kirche St. Laurenz.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Simmeringer Platz, von der Simmeringer Hauptstraße stadtauswärts gesehen, Sommer 2026.
In der Bildmitte links im Hintergrund die Türme der rumänisch-orthodoxen Kirche und von St. Laurenz.
Bildnachweis: Privatarchiv Pelikan.
Laut Stadtplanung wurden zum bisherigen Baumbestand drei weitere Bäume sowie fünf Hochstamm-Sträucher gepflanzt, eine hellere und sickerfähigere Pflasterung gelegt und 17 Grünbeete in Verbindung mit dem Baumbestand geschaffen. [8] Darüber hinaus wurden ein Trinkbrunnen für die warme Jahreszeit sowie weitere Sitzgelegenheiten zum Verweilen auf diesem doch recht interessanten Platz hinzugefügt.
Damit wären wir auch schon wieder am Ende unseres Drehort-Besuchs. Ich lade Sie herzlich ein, sich den neuen „alten“ Platz und seine Umgebung, vielleicht bei einem Kaffee oder einem kühlen Getränk im Café Frog, anzusehen und freue mich, Sie auch im nächsten Beitrag wieder begrüßen zu dürfen.
Beitragersteller: Thomas Pelikan
[1] https://on.orf.at/video/14311884/tatort-vergeltung, sowie https://www.imdb.com/title/tt1700482/.
[2] Siehe dazu: Beitrag Februar 2023 – Der Froschkönig-Brunnen am Simmeringer Platz, https://www.bmsimmeringdigital.at/aktueller-blog-und-archiv/1666402_februar-2023-der-froschkoenig-brunnen-am-simmeringer-platz.
[4] Nachzulesen bei Harald Marincig, Auf Schienen durch Wien, Wien 1995, S. 115., sowie Hans Hawelka, Simmering. Geschichte des 11. Wiener Gemeindebezirkes und seiner alten Orte, hg. von Felix Ceike, Wien 1991, S. 178. Mit ‚Pletschen‘ sind hier große Salat- oder Krautblätter gemeint.
[5] https://www.youtube.com/watch?v=CzJSYXCO1Zg, vor allem Min. 00:00 bis 01:15 und um 1:35, sowie 3:53.
[7] https://klimateam.wien.gv.at/.
[8] https://www.wien.gv.at/stadtplanung/klimateam-u3-simmering.
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